Literatur kann ein Medium der Selbstbestimmung sein. Und diese bringt der Literatur neue Werte. Die Suche nach Identität und Ausdruck zieht sich durch Weigonis Werk. Sie exerziert den Schmerz der Sprachlosigkeit, den Verlust körperlicher und seelischer Integrität in Lyrik, Prosa und Drama bis an den Rand des Erträglichen. Der Schock soll die repressiven Muster zertrümmern. Weigoni sucht das Monströse im Normalen und das Normale im Monströsen, seine Verdichtungen schließen sich in ihrem Gehalt an die Wirklichkeit der Menschen im 21. Jahrhundert an. Die Eindringlichkeit seines Schreibens hängt mit dem tiefen Referenzraum seiner Poethologie zusammen. Die Erzählungen haben einen formal innovativen Ansatz, man erkennt die Figuren unmittelbar an ihrer unverwechselbaren Sprache, die so brennscharf die Realität abbildet und den Lesern neue Wahrnehmungsmöglichkeiten verschafft. Diese Literatur öffnet den Blick für das nie Gesehene, nie Gedachte, so wie Kleist über den Mönch am Meer bemerkte, es sei, wenn man das Bild betrachte, als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären.
„Der Zombie ist interessant, weil die Medizin eine gravierende Umbruchssituation hervorruft“, konstatiert der Freiburger Philosoph Oliver Müller. Weigonis Sensibilität und Wahrnehmungsschärfe, seine sprachliche Phantasie, ätzende Genauigkeit und sein untergründiger Witz scheinen in der konzentrierten Gattung der Erzählung einen besonders fruchtbaren Boden gefunden zu haben. Die Erzählungen machen uns glauben, daß sich das ganze Leben in einem einzigen kurzen Moment der Hellsicht ändere. Als Schriftsteller ist Weigoni ein Sprachspieler. Sein Material ist die deutsche Sprache, er verbindet der Versuch, diese aus der Floskel zu befreien. Die Erzählungen kontern den moralischen Imperativ, daß Erzählen etwas Gutes sei. Mit dem Begriff Erzählung ist hier eine Gattung gemeint, die schnell auf den Punkt kommt, dabei mit anderen Geschichten vernetzt ist. Handlungsverlauf bzw. Entwicklung wird nicht chronologisch und durchgängig aus einer Perspektive vorgestellt, Nebenfiguren tauchen in dieser Verwahrlosungsrevue als Hauptfiguren auf. Damit wird diesem Buch jedoch nicht das restmoderne Etikett "Roman in Erzählungssegmenten" angepappt: Zombies ist ein komponierter Erzählungsband.
Der Langsamschreiber Weigoni hofft, sich dem Wesenskern einer Sache immer weiter anzunähern, zu präzisieren, zu verbessern. Das gilt besonders für die »Zombies«. Diese Erzählungen sind ein Gewebe, in das Bestandteile erfahrener Realität eingewoben sind, damit überwindet dieser antikonformistische Manierist die spielerische Postmoderne und setzt sich mit realen Gesellschaftsproblemen auseinander, ohne bei der teilnehmenden Beobachtung der Entwertungsgeschwindigkeit auf Ironie zu verzichten. Weigoni weicht der gelebten Wirklichkeit nicht aus, er versteht es, aus den vielen Ungereimtheiten, die er im Alltag vorfanden, eine Poesie zu machen, die durch ihren Bildcharakter vorführen, daß die Widersprüche den Sachverhalten oft immanent sind, sich gegenseitig bedingen, und in der Literatur nicht ausschließlich mit dialektischer Eleganz darstellen lassen, es sei denn, man nimmt in Kauf, daß die Wahr¬haftig¬keit, mit der sie im Leben vorkommen, gänzlich zur Auslöschung gebracht wird. Weigoni begreift Schreiben als Attacke auf die Konsenskultur, auf die Toleranzhölle des Westens. Bei den Motiven seiner Figuren verschmelzen Perversion und Normalität mit der vor allem das männliche Geschlecht begleitenden ewigen Trinität von Gewalt, Sex und Suff; mit hilfloser Empathie und gerechtem Zorn, der nur selten fruchtet. Dieser Romancier pflegt einen Stil, der Imagination mit Sachlichkeit, Kälte mit Empathie, Realismus mit Parodie, Reflexion mit Narration, Komik mit Utopie, Ironie mit Verzweiflung, Wahnsinn mit Trauer verbindet.
Poesie hat für Weigoni immer etwas mit Gesellschaftlichkeit zu tun. Er nutzt das Zeitalter der neuen Unübersichtlichkeit als diskursives Spielmaterial für seine gedanklichen Experimentalanordnungen. Die Multioptionsgesellschaft erscheint in den Erzählungen als grandioses Ablenkungsmanöver, um fundamentale Alternativen aus den Köpfen und dem Streben der Menschen zu verbannen. Dem Anschein nach kontrastreich, vielfältig, individualistisch, wird das Leben in Wahrheit von Monotonie und Konformismus beherrscht, das utopische Bewußtsein ist in der transzendenzlosen Warengesellschaft überwunden. Weigoni zerdehnt die Statement–Kultur, bis in den Rissen der Rede die zweiten Absichten und Motive sichtbar werden. Angewidert von der geheuchelten Aufrichtigkeit des glatt polierten Selbstmarketings, attackiert er die Oberflächen–Sprache mit Wendungen, Wiederholungen und Wortungetümen. Das Kapital saugt den Ausgebeuteten den Lebenssaft aus und läßt sie als willenlose Untote zurück. Weigonis Erzählungen lassen sich auf dieser Metaebene auch als Sachbuch der Bürokratisierung lesen.
Diese Erzählungen sind ein Gegenentwurf zu den Prolo–Komödien, die als ungeschönte Milieubilder daherkommen, letztlich aber nur Freakshows sind, die statt Menschen Witzfiguren zeigen. Diese »Zombies« dagegen wissen durch alle Skurrilitäten und Absurditäten die Würde ihrer Protagonisten zu verteidigen. Das Lachen über sie ist immer empathisch, nie abfällig. Weigonis Erzählungen haben nicht nur – wie guter Wein – einen Körper, sie haben ein satirisches Bewußtsein, das sie mit jeder Silbe ausdünsten, das alle Sätze atmosphärisch umhüllt. Da ist eine schmerzlich spürbare Differenz zur dargestellten Welt, die im ganzen Text vibriert und den Gefühlsraum des Lesers in Schwingung versetzt. Der Leser denkt in diesen Erzählungen mit, und so kann diese Literatur niemals abgeschlossen sein.
»Zombies«, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2010 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover
Die Aufnahme ist in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de